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Im Bärenwald - und immer ruft der Kuckuck

April 2017

 

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Der kurze Slowenienaufenthalt geht morgen bereits zu Ende – die Pflicht ruft wieder. So will ich heute noch diesen letzten Abendansitz an einem erfolgsversprechenden Bärenwechsel mitten im riesigen Waldgebiet in vollen Zügen geniessen. Ich hoffe auf eine letzte Begegnung mit Meister Petz.

 

 

Der Aprilwind zieht mir direkt ins Gesicht und trägt mir den frischen Kräutergeruch aus dem noch regennassen Buchenmischwald zu. Das Wetter hat aufgeklart nach den allzu heftigen Niederschlägen der vergangenen beiden Tage – Tage, die ich am wohlig warmen Kaminfeuer im stattlichen Waldhaus sinnierend verbracht habe. Die Sonne steht bereits tief, das Licht färbt sich rötlich, in meinem Wald kehrt bald Ruhe ein. Vorher aber konzertiert die versammelte Vogelschar für die letzte Stunde des scheidenden Tages hin zum Höhepunkt. Aus allen Sängern hebt sich einer besonders hervor: der Kuckuck. Seinen dumpfen Zweiklang schickt er taktvoll durch die Konzerthalle des Hochwaldes. So schweife ich in meinen Gedanken ab zu den Erlebnissen der vergangenen Tage.

 

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Nach langer Fahrt bin ich vor acht Tagen im ausgedehnten Wald im südlichen Slowenien angekommen. Als Erster hat mich der Kuckuck begrüsst – wie mir schien, stellvertretend für alle Waldbewohner. Damals wusste ich noch nicht, dass mich dieser Ruf bis zum Schluss meiner Reise wie ein roter Faden leiten würde. Auf verschiedenen Pirschgängen konnte ich viele Wildtiere beobachten und fotografieren: Hirsche, Rehe, darunter gute Böcke, Hasen und auch Wildschweine. Eine besondere Begegnung war jene mit einem Wolfsrudel am ersten Pirschmorgen – auf einer ausgefahrenen Waldstrasse standen, wie aus dem Nichts kommend, vier Wölfe – drei davon konnte ich hastig auf den Chip bannen. Und so wie die Waldgeister erschienen, wurden sie sogleich wieder von einem dichten Waldgürtel verschluckt. Im daran angrenzenden alten Holzschlag konnte ich nochmals einen kurzen Blick auf diese geheimnisvollen Raubtiere erhaschen. Mit raumgreifenden Sätzen verschwanden sie endgültig zwischen den Buchenstämmen der Hangschulter. Die gemachten Fotos sind nicht die eines Naturfotografen. Die Begegnung, das Erlebnis aber hinterliess bleibende Eindrücke. Und darauf kommt es schlussendlich an.

 

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Um keine Gelegenheit auszulassen folgte am gleichen Abend der erste Bärenansitz – genau an der Stelle, an der ich heute sitze. Bei gutem Licht sind Hirsche aus dem angrenzenden Dickicht ausgetreten. Immer nach allen Seiten sichernd haben die Tiere unruhig geäst. Und dann der entscheidende Moment – kollektives Träger-Strecken und Lauscher-Richten, um in eine bestimmte Richtung ins Dickicht zu sichern. Und schon zeigte sich zwischen den dicht stehenden Stämmen die Gestalt eines herantrottenden Bären. Hell im Gesichtsausdruck, massig in der Gesamterscheinung tauchte ein guter Bär aus dem dunklen Wald und trottete auf die Lichtung. Welch imposanter Anblick in freier Natur! Und welche Würde, welche Erhabenheit dieses grosse Raubtier ausstrahlte. Die Hirsche wichen nur rund 50 Schritte zur Seite und warteten im lockeren Buchenhochwald ab, was der Bär zu tun gedenkt. Dieser schnüffelte da und dort, drehte mit seiner kräftigen Pranke einen Stein, um darunter verborgene Insekten zu naschen. Dann zog er auf leisen Sohlen weiter, hinein in die Himbeerstauden und Jungbuchen. Der frisch austreibende Blätterwald schloss sich hinter dem mächtigen Hinterteil. Die Bärenbühne war leer. Die Hirsche beruhigten sich sofort und nahmen ihre vorherige Tätigkeit, nämlich das Äsen, wieder auf.

Dieser Bärenbegegnung sind sechs weitere gefolgt – jede eindrücklicher als die andere. Daraufhin hat mich, wie bereits vorhin erwähnt, ein Wetterumbruch an den Platz am Kaminfeuer gebannt.

 

Und heute? Wird ein Bär erscheinen? Hat überhaupt einer in der Nähe seinen Tag verschlafen und wird er rechtzeitig an meinem Pass vorbeikommen? Bären haben grosse Streifgebiete und verteidigen kein Revier. Ein Bär, der hier erscheint, kann bereits morgen an ganz anderer Stelle auftauchen. Allzu gerne will ich als Abschluss meines Aufenthaltes heute noch einmal zwischen den mächtigen Buchenstämmen einen Blick auf die herantrottende Gestalt mit den archaisch gewölbten Beinen und den mit langen Krallen bewehrten Tatzen erhaschen. Einmal noch will ich in das breite Gesicht, in die nahe beisammen stehenden, aufmerksamen kleinen Augen blicken. Und noch ein allerletztes Mal wünsche ich mir, einem gemächlich davontrottenden, buckligen alten Bären hinterherschauen zu können.

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Die Sonne hat sich mittlerweile hinter den westlichen Erhebungen der Karstlandschaft niedergetan, die Dämmerung setzt ein. Der Kuckuck ruft, mal von der Anhöhe zu meiner Linken, mal aus der Tiefe des waldüberwachsenen Einsturztrichters der Karstlandschaft schräg vor mir. In der Ferne, draussen in den Weiden, schlägt ein Esel Alarm – diese Rufe werden sofort von den Herdenschutzhunden aufgenommen und verstärkt. Das Gebell hält an – sind da die Wölfe den Nutztieren zu nahe gekommen? Ich weiss es nicht.

 

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Und dann erscheint er! Für einen kurzen Moment erkenne ich im schwindenden Licht den Herbeigesehnten, den Abschiedsbären! Aus dem Dickicht rechts von meinem Posten ist er in den offenen Buchenhochwald ausgetreten, entfernt sich aber mit zügigem, bestimmtem Schritt. Ein leichtes Seitwärtswenden des Kopfes, dann verschwindet er in den dicht stehenden Stämmen alter Buchen.

Das war er, mein Abschied aus dem Bärenwald! Jede Sekunde davon habe ich genossen. Rund eine Viertelstunde später ist es zu düster für brauchbare Fotos. Daran ändert auch die moderne Kameratechnik nichts. Sorgsam und möglichst geräuscharm verstaue ich meine Ausrüstung, erhebe mich, um den Rucksack zu schultern. Da tritt der wahre Akteur meiner Reise nochmals in Aktion. So nahe, so wohlklingend ruft der Kuckuck durch die bereits recht dunkle Buchenhalle, dass ich förmlich nochmals in meine Sitzposition zurücksinke. Ich muss nochmals zuhören, ein letztes Mal noch, bevor ich den Bärenwald verlasse und morgen früh die Heimreise antrete.

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Mehr Fotos aus dem Bärenwald finden Sie in der Galerie: Bärenland Slowenien

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Flusskrebse in heimischen Gewässern

Dezember 2016

Krebstiere werden immer mit Sommer und Sonne, v.a. aber mit Strand und Meer in Verbindung gebracht. Dass aber Krebse durchaus zur heimischen Fauna gehören, ist vielen Leuten nicht bekannt. Und dass in den Verbreitungskarten der Flusskrebse der Schweiz einzelne Punkte sogar auf ein Vorkommen in den Alpentälern hindeuten, erstaunt vielleicht noch mehr.

 

Meine ersten Begegnungen und Berührungen mit Krebsen hatte ich vor vielen Jahren. Im Abflussbächlein des Canovasees im Domleschg haben wir zu Kindheitszeiten an freien Mittwochnachmittagen immer wieder mal gespielt und mit Dohlenkrebse_einsammeln.jpgeiner gesunden Mischung aus Erstaunen, Respekt und Faszination diese krabeligen Wasserbewohner kennengelernt. Später habe ich sie aus den Augen verloren und bin nur per Zufall im Spätherbst 2016 wieder mit ihnen in Berührung gekommen.

In der Talebene Heinzenberg-Domleschg wurde nämlich eine kanalisierte Fliessstrecke eines Wiesenbaches stillgelegt und in ein frisch angelegtes, natürlich gestaltetes Bett umgeleitet. Dabei galt es, die durch diese Aktion „aufs Trockene gelegten“ Dohlenkrebse in nützlicher Frist einzusammeln und umzusiedeln. Der stillgelegte Kanal misst rund 600 Laufmeter bei einer durchschnittlichen Breite von gut einem Meter. Von kleinen und grossen engagierten Naturliebhabern, unter anderen auch einheimische Jäger, wurde wichtige Arbeit geleistet: Zumeist bei Nacht im Lichtkegel der Stirnlampe wurden rund 7000 Krebse eingesammelt und ins nahe sichere Nass gebracht. An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an alle Helfer!

 

Mein bescheidener Arbeitsbeitrag zu dieser Umsiedlung bot auch gerade eine gute Gelegenheit, mich fotografisch diesen faszinierenden heimischen Dohlenkrebsen zu nähern.

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Die Weibchen tragen die Eier an den hinteren Gliedmassen mit sich herum, bis die Jungkrebse im

Frühsommer schlüpfen.

 

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Mehr Infos zu einheimischen Flusskrebsen: www.flusskrebse.ch oder www.forum-flusskrebse.org/

 

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Biber: Erfolgreicher Rückkehrer

August 2016

Er fällt Bäume, staut Gewässer, baut Burgen und erschliesst sich auf selbst gebauten Wasserwegen die guten Nahrungsplätze. Kaum ein Tier gestaltet den Lebensraum so aktiv wie der Biber. Seit wenigen Jahren kehrt er in seine angestammten Lebensräume im Kanton Graubünden zurück. Gründe genug, sich mit dem interessanten Tier genauer auseinanderzusetzen.Biber_2.jpg

 

An einem angenehm temperierten Frühsommertag beziehe ich bei vorgerückter Nachmittagsstunde gemeinsam mit meiner Tochter einen Posten direkt am Wasser. Von einem Kollegen habe ich den erfolgsversprechenden Tipp erhalten – an dieser Stelle ein herzliches Dankeschön! Das Bibergewässer schlängelt sich unscheinbar und vom dichten Bewuchs gut verdeckt durch die Landschaft. Grössere Fällaktionen hat Baumeister Biber an diesem Gewässer noch keine unternommen – zu kurz ist seine Anwesenheit hier. Mit Sicherheit aber wird in den nächsten Jahren da und dort gerodet. Dies macht der Biber zur Nahrungs- und Baumaterialbeschaffung sowie zur Regulierung des Wasserregimes. Im Moment verrät einzig ein kleiner Damm an der engen Schlüsselstelle dem Kundigen die Anwesenheit des grossen Nagers. Mit diesem kleinen Bauwerk erhöht sich der geschickte Wasserbauer den Pegelstand um gut und gerne 30 cm.

Geruchlich wird der Wald heute erfüllt von dicht an dicht wachsendem Bärlauch. Akustisch bereichern wunderbare Arien der unzähligen Singvogelarten die Szenerie. Die lästigen Mücken sind glücklicherweise noch nicht sehr zahlreich – dies wird sich aber in den nächsten Wochen mit Sicherheit zu unseren Ungunsten ändern. Nachdem wir uns eingerichtet haben, lauschen wir dem grossen Konzert, das gegen die Abendstunden hin dem Höhepunkt zusteuert. Einzig der Hauptakteur mit der grossen Kelle fehlt noch.

 

Versunken in Gedanken erinnere ich mich zurück an meine ersten Kontakte mit dem Baumeister Biber. Diese hatte ich zu Studentenzeiten. Damals sind mir inmitten Zürichs und auch an anderen Standorten im Mittelland während verschiedenen thematischen Exkursionen die markanten Spuren der Biber ins Auge gestochen. Für einen Bergler ganz neue Horizonte – damals. Heute sieht das anders aus. Nachdem der erste Biber die Kantonsgrenze im Unterengadin im Jahre 2008 überschritten hatte, sind auch im Norden dem Rhein entlang Biber eingewandert oder besser gesagt eingeschwommen. Auf dem Wasserweg erobern sie altes Territorium zurück und hinterlassen heute bereits in der Surselva und im unteren Albulatal ihre markanten Spuren. Altes Territorium deswegen, weil sie ursprünglich auch in den Alpentälern sowie in der ganzen Schweiz heimisch waren – lange bevor homo sapiens dieses beschauliche Fleckchen Erde für sich entdeckt, besiedelt und bejagt hat und damit die Biber verdrängt hat. Viel später, mit aufkommendem Naturschutzgedanke, wurden im Norden der Schweiz wieder Biber angesiedelt und so findet diese besondere Tierart langsam den Weg zurück in die Alpen.

 

Eine Wellenbewegung im Wasser zieht meine Aufmerksamkeit auf sich. Bisam_1.jpgDa muss eine Forelle ein Insekt von der Wasseroberfläche „gepflückt“ haben, so kreisrund wie die Wellen ihr Muster auf der sonst glatten Wasseroberfläche hinterlassen. Dem Biber geht nämlich eine kleine Bugwelle voraus, welche sich seitlich keilförmig nach hinten zieht. Die viel kleinere nicht einheimische Bisamratte (Bild rechts), welche hier auch ihr Unwesen treibt, produziert durch ihre Bewegungen ein ähnliches „Wassermuster“. Nur ist mit etwas Erfahrung dasjenige der Bisamratte „nervöser“, ausgeprägter. Dies muss mit Körperform und -gewicht zusammenhängen – der Biber liegt tiefer im Wasser, die Bisamratte höher. Ausserdem rudert die Ratte mit dem seitlich abgeplatteten Paddelschwanz an der Wasseroberfläche hin und her – der Biber bewegt seine Kelle viel sanfter und v.a. unter Wasser.

 

Fische schwimmen vorbei, und hoch im Geäst gurrt der Tauber. Er hat anscheinend eine Dame in seinen Bann ziehen können. Der Sperber jagt pfeilschnell auf unserer Augenhöhe über die Wasseroberfläche und blockt auf Sichtdistanz auf einem groben Föhrenast auf. Die Singvögel, welche Revier mit Wasserzugang haben, quittieren dies mit lautem Gezeter, so dass der geschickte Jäger gezwungen wird, seine Raubzüge an anderer Stelle fortzusetzen. Der vorläufige Höhepunkt unserer Beobachtung ist sicherlich der kurze Blick auf den vorbeifliegenden Eisvogel. Dann lautes Flügelschlagen über unseren Köpfen – ein Graureiherpaar landet geschickt im schmalen Gewässer und hält nach Fischen Ausschau. Da wird manches Petriheil mit dem langen Schnabel dem Biber zu verdanken sein, denn wo dieser den Lebensraum gestaltet hat, gibt’s für viele Arten neue Nischen. So suchen beispielsweise junge Fischchen gezielt Wasserbereiche als Lebensraum aus, wo Astmaterial oder gar Dämme Schutz bieten und die Fliessgeschwindigkeit heruntergesetzt haben. Die Abhängigkeit einzelner Tier- und Pflanzenarten geht so weit, dass man heute davon ausgeht, dass sie nur dank dem Biber überhaupt einen Platz im Ökosystem gefunden haben bzw. sich in der Evolution so entwickelt haben, wie wir sie heute kennen.

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Und wieder eine Bewegung der Wasseroberfläche – diesmal eine sanfte Welle, welche ihren Ursprung hinter der Gewässerbiegung hat. Kamera in Position, Finger auf dem Auslöser bereit, und schon erscheint der tief im Wasser liegende Kopf eines Bibers.Biber_10.jpg Lange währt dieser wunderbare Anblick nicht. Der Biber nutzt die dritte Dimension und taucht ab. Die knapp über dem Horizont stehende Sonne spiegelt sich derart im Wasser, dass ein Hineinschauen in flachem Winkel unmöglich wird. Wohin geht der Biber? Wo wird er auftauchen? Und schon erscheint sein Kopf gefolgt vom massigen Rumpf am gegenüberliegenden Ufer. Sogleich „landen“ rund 25 kg Biber auf dem Trockenen. Kurzes Schütteln in Hundemanier, dass das Wasser nach allen Seiten spritzt. Und schon erscheint das Fell wuschlig weich. Im Nu ist ein frischer Zweig von seiner festen Basis abgenagt und sofort zu Wasser gebracht. Nach kurzer Flössstrecke verlässt der Biber das Wasser an besserer Stelle, an seinem üblichen Fressplatz. Dort schält er als Vegetarier den Ast und vertilgt die Rinde feinsäuberlich, und dies in unglaublichem Tempo. Nach erneutem Wassern schwimmt der Biber gemächlich vor unserem Posten vorbei – keinen Meter vor unseren Füssen. Seine feine Nase muss uns wahrgenommen haben - er empfiehlt sich mit einem schallenden und spritzenden Kellenschlag auf die Wasseroberfläche. Unsere Schuhe und der abgelegte Rucksack sind klitschnass, und der Schwimmer taucht erst rund 8 Meter entfernt wieder auf, um gemütlich seinen Abendparcours abzuschwimmen.

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Langsam hält die Dämmerung am Bibergewässer Einzug, die Singvögel verstummen allmählich. Seit der Biberbeobachtung ist eine Stunde vergangen. Unser Biber hat sein Programm gewässerabwärts anscheinend fertig absolviert. Das sich keilförmig teilende Wasser zeigt von weitem, dass er wieder an uns vorbei will. Diesmal gleitet er, sorglos und ohne uns wahrzunehmen, gewässeraufwärts und verschwindet hinter der nächsten Biegung. Mittlerweile spiegelt sich der aufgehende Mond auf der Wasseroberfläche – definitiv Zeit für uns, das Bibergewässer für heute zu verlassen. Mit Sicherheit aber werden weitere Gänge ans Wasser folgen.

 

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Mehr Biberfotos finden Sie in der Galerie: Nagetiere

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Hirschtumult - per Zufall am richtigen Ort ...

August 2016

Ein Wildtierfotograf plant seine Wunschbilder meist im dunklen Kämmerlein voraus, und zwar lange vor einem Pirschgang. Nur so können Störungen minimiert und der Fotooutput maximiert werden. Dennoch kommt es trotz aller Planung häufig anders als gewollt. Auf Pirschgang mit der Kamera muss situativ richtig entschieden und reagiert werden. An dieser Stelle hilft v.a. die Erfahrung weiter. Gelegentlich entwickelt sich dieses „Anders“ nämlich durchaus zum Vorteil für den Fotografen. So auch in der folgenden Begegnung.

 

 

In einer lauen Frühlingsnacht ist ein feiner Regen niedergegangen. Bei Tagesanbruch bin ich unterwegs und kann ein Hirschrudel beim Einziehen beobachten. Das Licht reicht noch nicht aus, brauchbare Fotos zu machen. So lenke ich meine Schritte heimwärts, um nach dieser Frühpirsch eine Tasse heissen Kaffee zu geniessen. Aus Erfahrung weiss ich, dass zu dieser Jahreszeit und bei zusätzlich feuchter Witterung die Hirsche bei Tagesanbruch nicht tief in den Wald ziehen, sondern im Waldrandbereich ihr Frühschoppen-Schläfchen geniessen. Mitten am Vormittag ziehen sie für gewöhnlich nochmals auf die offenen, saftig grünen Wiesen. Erst nach diesem Vormittags-Snack dringen sie tiefer in den Wald ein, in den Tageseinstand im dichten Fichtenjungwuchs.

 

So begebe ich mich mitten am Vormittag – die Sonne scheint gerade knapp über die von Wolkenfetzen verhangene Bergkrete – Richtung Hirschwiese. Von weitem habe ich bereits Einblick und kann gerade mitverfolgen, wie sich die ersten Hirschsilhouetten vor dem schattigen Waldrand abheben. Hirschtumult_1.jpgAnscheinend bin ich keine Minute zu früh! Sofort kommt Bewegung auf, und rund 20 Geweihte ziehen gemeinsam auf die Weide. Dabei scheint, als wolle jeder der erste bei den guten Gräsern und Kräutern sein. Sofort wird die Distanz zum Waldrand grösser, und das Rudel stellt sich auf einer übersichtlichen Hangterrasse ein. Bei jedem Grasbissen bewegen die reifen Hirsche taktvoll ihre Bastkolben vor und zurück. Die meisten jüngeren Hirsche haben erst kürzlich ihre knöcherne Kopfzier verloren und wirken für den Moment etwas wehrlos. Von meiner Warte aus sehe ich keine Möglichkeit, zu guten Bildern zu kommen. Ausserdem gefällt mir der Winkel gegen die Sonne überhaupt nicht. Von unten her müsste ich an die Hirsche herankommen. Aus unzähligen früheren Pirschgängen weiss ich auch sehr genau, wie ich das anstellen kann, um zum gewünschten Ort zu kommen. Ich ziehe mich zurück und verliere die Tiere für rund 5 Minuten aus den Augen.

 

An der gewünschten Hangkante in Deckung vorrückend erreiche ich die Stelle, von der aus ich Einblick in die Hirschweide haben sollte. Die Tiere sind aber in der Zwischenzeit unerwartet etwas höher gezogen. Mein Vorhaben scheint zu scheitern. Doch dann dies: Aus unerklärlichem Grund geht plötzlich wie aus dem Nichts ein Aufwerfen durch die Hirschgruppe. Und schon startet der Hirschtross Richtung Wald, umgeht eine Gebüschgruppe, dreht hinter der Kuppe ab und rennt der abfallenden Hangkante nach abwärts – genau in meine Richtung! Was auch immer die Hirsche gestört hat – ich war`s nicht, mir aber kommt`s zugute! Dass die Tiere bei derartigen Aktionen eng im Verband bleiben, ist ihrem Sicherheitsbedürfnis und letztlich ihrem feinen Instinkt zuzuschreiben. Dass sie sich dabei gelegentlich zu nahe kommen, ist in der Hektik nicht immer zu vermeiden. Und genau in diesem speziellen Moment bin ich fototechnisch zufällig am richtigen Ort und mit dem Finger am Auslöser bereit…

 

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Die Hirsche sind wohl eher aus Übermut rumgetollt, denn in der nächst unteren Senke im Weideland stellt sich das Rudel wieder ein und setzt den Äsungszug fort. Ich nutze diese Gelegenheit, mich unbemerkt zurückzuziehen, bevor das Rudel in meinen Wind zieht. Meine Bilder für heute habe ich, und bessere stehen in der momentanen Situation sicherlich nicht in Aussicht. 

 

 

Mehr Hirschbilder finden Sie in der Galerie: Rothirsch

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Im Bärenland Slowenien

Mai 2016

Drei junge Bären rennen ins Unterholz. Sie folgen offensichtlich ihrer Mutter, welche kurz zuvor einen markanten Wechsel angenommen hat und trottend im dichten Laubmischwald verschwunden ist.

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Diese Bärensichtung, meine erste Beobachtung wilder Braunbären überhaupt, hat eine längere, vor allem aber zufallsgesteuerte Vorgeschichte. Die Familien-Sommerferien sollten dieses Jahr (2015) nicht nur über das Kantonsgebiet von Graubünden, sondern auch über die Schweizergrenze hinausführen. Der Entscheid ist erst Ende Adria.jpgMai und damit recht kurzfristig gefallen. Ich musste mich geschlagen geben und meine Träume von Berg-Ferien begraben. Dem Mehrheitswunsch der Familie zufolge sollte es ans Meer gehen - endlich einmal. Immerhin habe ich die Gelegenheit beim Schopf gepackt und die genaue Örtlichkeit mitbestimmt. Die Himmelsrichtung Süden, also Mittelmeer, war bereits fix, und da es mir als kleiner Junge in Norditalien am Strand nicht besonders gefallen hat, war mein Vorschlag natürlich, dieser Region auszuweichen. Nächstgelegene Möglichkeit: Slowenien. Kannte ich nicht, aber immerhin ein Land, das ich sofort mit Braunbären in Verbindung brachte. Ab dem Zeitpunkt habe ich mich mit der Idee der Ferien am Meer nicht nur angefreundet,  sondern mich sogar darauf gefreut. Die drei Tage am Meer an einem wunderbaren, naturnahen Küstenbereich habe ich genutzt, um nebst dem Schwimmen und Schnorcheln mit der Familie etwas Meerestiere und Seevögel zu fotografieren. Gerade Krabben können mit etwas Geduld attraktiv ins Bild gesetzt werden. Dabei unterstreicht die wechselnde Kulisse des Spritzwassers die Dramatik z.B. bei einem Krabbenangriff auf eine Meeresschnecke oder auch bei Machtdemonstrationen unter Krabben.

 

Karstlandschaft.jpgIm Innenland von Slowenien sind wir zunächst den Touristenattraktionen gefolgt. Sehr eindrücklich ist die Karstlandschaft mit den grossen, teilweise zugänglichen Höhlensystemen. Gerade die Höhle von Postojna ist ein absolutes Muss, wenn auch der Besucheraufmarsch gross ist. Stalagtiten und Stalagmiten gestalten die riesigen Hallen von durch Kohlensäureverwitterung geschaffenen Höhlensystemen. Wer es etwas weniger gedrängt haben will, soll unbedingt Rakov Škocjan wandernd erkunden. Teilweise eingebrochene Höhlensysteme geben einen Eindruck der Dynamik und Wildheit dieser Karstlandschaft. Das Höhlennetz reicht so weit, dass ganze Flüsse verschwinden, um dutzende von Kilometern entfernt wieder zum Vorschein zu kommen. Ganz nebenbei haben wir in einem Bach eine Scharbe genau in dem Moment erblickt, wie sie einen Fisch erbeutet hatte und eben diesen verschlang. Wenig später mit ausgebreiteten Schwingen sich trocknen lassend erinnerte nichts mehr daran, dass es kurz zuvor um Leben und Tod gegangen ist.

 

Während den Tagen im InnenlandSlowenische Waldlandschaft.jpg habe ich keine Gelegenheit ausgelassen, mich mit Einheimischen über Braunbären zu unterhalten. Ich habe mit Landwirten, Beerensammlern, Förstern, Waldarbeitern, Verkäuferinnen und Marktfrauen gesprochen. Alle sind sie stolz auf ihre rund 700 Bären im Land Slowenien – so ähnlich stolz wie ein Bündner auf die Steinböcke! Zu Gesicht bekämen sie Meister Petz aber nur selten.

Jeweils nach den Tagesausflügen waren gegen die Dämmerung hin eigene Erkundungstouren auf den ausgedehnten Waldstrassen angesagt. Bei diesem Auskundschaften sind wir tatsächlich auf Bärenkot gestossen – so falsch kann also mein Bauchgefühl beim Lenken der Erkundungsaktivitäten nicht gewesen sein. Spätestens nach der Sichtung des Bärenkotes ist es meinen drei Damen aber definitiv vergangen, sich weit vom Auto zu entfernen. Selbst Bärenspray hat diesem mulmigen Gefühl psychologisch wenig entgegengesetzt. Aber Bärenkot ist noch nicht Bär, auch wenn die Region erfreulicherweise schon mal stimmt. Wo suchen in diesen riesigen Wäldern? Und wie suchen? Pirschen? Ansitzen? Wie scheu sind die Tiere? Mit jeder Pirschfahrt häuften sich die Fragen. Wichtig war es in erster Linie, keine unüberlegten Experimente zu wagen - immer zugunsten der Familiensicherheit entscheiden.

 

Eine zufällige Begegnung mit einem Jäger irgendwo im tiefen Wald auf einer ausgefahrenen, staubigen Forststrasse hat mich definitiv auf die Spuren der Sohlengänger gebracht. Jäger A wusste viel zu berichten und hat einiges an Bärenerfahrung im Rucksack. Er war es dann, der mir und meiner Familie zu Bärenbeobachtungen verholfen hat. Er liess seine Beziehungen spielen, und bereits am nächsten Nachmittag konnten wir an guter Stelle mitten im riesigen Waldgebiet ansitzen. An der Stelle kam es dann auch zur eingangs umschriebenen ersten Beobachtung mit wildlebenden europäischen Braunbären.Braunbaerin.jpg

 

 

Selbst die grossen, ausgewachsenen Männchen der Sorte Petz bekamen wir zu Gesicht…

 

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Mehr Bären- und Slowenienbilder finden Sie in der Galerie: Bärenland Slowenien

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Der dominante Hirsch

Spätwinter 2016

Ungerader Vierzehnender mit rauem, massig gebautem Geweih, erste Altersanzeichen am Körperbau und im Verhalten – so kann der Hirsch, den ich häufig beobachte, kurz und knapp umschrieben werden.

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Diese Beschreibung trifft zwar die Realität, gibt aber nur einen knappen, unvollständigen Eindruck. Der Hirsch ist geschätzte 16 Jahre alt. Zum ersten Mal aufgefallen ist er mir in einer grösseren Hirschgruppe im Sommer 2004. Damals schien er ein Vielversprechender zu sein. Glückliche Umstände, oder ist es vielleicht seine Schlauheit, haben ihn ins hohe Alter geführt. Seit rund 8 Jahren begegne ich dem stolzen Hirsch regelmässig. Heute zieht er täglich in den Einstand ein und aus und dies mit einer Lebenserfahrung, wie kaum ein anderer Hirsch in seiner Nähe haben dürfte. Mit seinem wechselnden Bewegungsmuster übers ganze Jahr bin ich derart vertraut, dass ich mich im Februar 2015 spontan entschloss, ihn während eines ganzen Jahres intensiv fotografisch zu begleiten. In diesem Beobachtungsjahr bin ich ihm viele Male begegnet, immer aber so, dass ich ihn nie, aber auch wirklich nie, an für ihn kritischer Stelle aufgesucht hätte. Ansonsten wäre das Projekt weder zu verantworten noch erfolgreich zu bewerkstelligen gewesen. Weder seine Aufenthaltsorte noch seine Verhaltenszüge könnten mich heute noch überraschen, so gut kenne ich den Hirsch mittlerweile (und er mich wahrscheinlich auch). Details zu diesem Projekt kann ich nach erfolgter Aufarbeitung aller Bilder und Tagebuchnotizen in geeignetem Rahmen wiedergeben.

 

In den letzten Monaten ist esHirsch_2.jpg darum gegangen, den Jahreslauf abzuschliessen. Dabei habe ich immer wieder spezielle Momente fotografisch festhalten und miterleben dürfen. Im hohen Alter nun ist er eher einzelgängerisch unterwegs. Gerade im Winter distanziert er sich für gewöhnlich von den anderen reifen Hirschen, geschweige denn von der Jungmannschaft. Präziser jedoch ist es zu sagen, dass es nicht er ist, der sich distanziert, sondern dass er sich die Artgenossen mehr oder weniger aktiv auf Distanz hält. Gerade im Winter reicht ihm schon ein Sichtkontakt zu einem anderen Hirsch. Häufig legt er sofort die Lauscher zurück um zu deuten, dass näheres Herantreten nicht erwünscht ist. Falls das Gegenüber dies nicht wahrhaben will, wird das nächste Register gezogen: der Hirsch stellt sein Geweih steil auf. Damit wirkt der ohnehin imposante Kopfschmuck noch bedrohlicher. Stufe drei dann ist das deutliche Zurücklegen des Geweihes mit angehobener Oberlippe – ein Drohen, das aus den Zeiten stammt, in denen die Eckzähne noch stärker ausgeprägt waren. Diesem Drohen wird gelegentlich etwas Nachdruck verliehen, indem ein lautstarkes, anhaltendes Schnauben den nötigen Background liefert. Dieses Schnauben kommt zustande, indem durch die etwas zusammengerümpfte Nase Luft ausgestossen wird. Die höchste Stufe der Drohung ist ein mehr oder weniger aggressives Zuschreiten auf den Kontrahenten, wobei staccatoartig einige Trenzer an die Adresse des Uneinsichtigen gesandt werden. Als Zeichen des Sieges ein Kratzen mit der Geweihstange, dann zurück zur Ausgangsposition.

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Näheren Körperkontakt zwischen dem Dominanten und anderen Hirschen habe ich diesen Winter keine beobachtet, ganz im Gegensatz zum vergangenen. V.a. wenn damals neue Hirsche in seine Nähe kamen und seine Sprache anscheinend noch nicht verstanden, ist es durchaus auch zu - im wahrsten Sinne des Wortes - Handgreiflichkeiten Hirsch_Geweihabwurf.jpggekommen. Tage nach dem Geweihabwurf z.B. ist er mit "nacktem" Haupt emporgeschnellt und hat auf den Hinterhänden balancierend dem Gegenüber die Vorderhufe auf die Brust getrommelt. Ob dies im laufenden Frühling auch geschieht oder ob er sich nun im hohen Alter derart dominant über seine Artgenossen gestellt hat und alle seinen Status durch die oben geschilderte „gewaltfreie“ Körpersprache anerkennen, bleibt weiter zu beobachten.

 

Mit dem Verlust des Geweihes ist nun auch das „Beobachtungsjahr“ zu Ende gegangen. Den Hirsch werde ich sicherlich auch dieses Jahr zu Gesicht bekommen, wahrscheinlich aber eher zufällig. Dennoch bin ich jetzt schon gespannt darauf, was er für einen neuen Kopfschmuck aufsetzen wird...

 

 

 

 

Mehr Fotos vom dominanten Hirsch finden Sie in der Galerie: Rothirsch

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Schwarzmilan: Jugendzeit in luftiger Höhe

Sommer 2014

Die Kamera mit grosser Linse ausgerüstet und auf dem Stativ montiert, die technischen Einstellungen reiflich vorbereitet für die raschen Flügelschläge eines am Horst aufsetzenden Altvogels, den Finger am Auslöser bereit … so sitze ich nun seit rund einer Stunde Schwarzmilan_1.jpgin einem hauptsächlich mit Fichten bestockten Steilhang. Behelfsmässig habe ich quer zum Hang mit dem groben Profil der Bergschuhe eine Rinne gescharrt, so dass ich mit der gefühlten Hälfte meines Allerwertesten darauf Platz nehmen konnte. Nicht gerade komfortabel für den langen Ansitz, den ich vorhabe, aber grössere Eingriffe will ich nicht vornehmen. Zu meiner Linken und Rechten steht je ein imposanter Haselbusch mit armdicken Auswüchsen – sechs bis sieben Meter lange Haselruten neigen sich seitlich auseinander, sodass sich ein Torbogen aus Hasellaub über mir schliesst. An Fichte und Esche vorbei durch ein kleines Fenster im Dach aus Hasellaub blicke ich über die Krone eines Nussbaumes auf eine Distanz von vielleicht 30 Meter in den Horst auf der dürren Fichte. Dank des sehr dichten Blätter- und Nadeldaches kann ich völlig verdeckt meinen Posten beziehen und auch wieder verlassen, so dass die Vögel im Horst keinerlei Notiz von meiner Anwesenheit nehmen. Meine innere Anspannung zeigt sich bei jeder Flugbewegung in der Umgebung. Ich will keinen Anflug verpassen. Und genau in dieser Spannung passiert es mir tatsächlich, dass ich bei einem vorbeigaukelnden Schmetterling irrtümlicherweise auslöse.

 

Die gespannte Warterei lässt michSchwarzmilan_2.jpg in Gedanken versinken. Nur zufälligerweise bin ich im April auf die Schwarzmilane aufmerksam geworden. Der wiehernd trillernde Werbegesang war unverkennbar. Von übersichtlicher Position aus entdeckte ich damals das Nest im Kronenbereich der dürren Fichte. Von meinem Auslug aus konnte ich das Paar auf über 200 Meter beobachten, ohne es zu stören. Am Horst in luftiger Höhe wurde fleissig gebaut. In spektakulären Flugmanövern krallten die imposanten Vögel – ihre Flügelspannweite beträgt bis zu 155 cm – Baumaterial in Form von Ästen und Reisig und rissen dies von den Bäumen, ohne zu landen. Auch Fremdmaterial wie Schnüre bauten die Greife in ihr Nest ein. Spanische Forscher haben herausgefunden, dass vor allem heller Plastik gezielt den Milanhorst ziert, um Konkurrenten zu warnen und vom Revier fernzuhalten. Das Weibchen bezog bald den Horst und wurde bereits vor der Eiablage vom Terzel gefüttert. Diesen beobachtete ich mehrfach bei der Kröpfung der Beute im Flug – auch dies nichts Ungewöhnliches für Schwarzmilane. Nur einmal für ganz kurz konnte ich durchs Spektiv einen Blick auf eine weisse Eischale im Horst erhaschen.

 

Fünf Tage nachSchwarzmilan_3.jpg dem errechneten Schlüpftermin reckte sich zu meiner grossen Freude ein kleiner Kopf mit feinem, hakenförmig gebogenem Schnabel unter dem Gefieder der Mutter hervor. Ihm folgten ein zweiter und ein dritter. Erst eine weitere Woche später suchte ich mir einen näheren Posten. Bis dahin habe ich abgewartet, um ja nicht das Brutgeschäft mit meiner Anwesenheit zu stören. Dass ich aber einen derart perfekten Schirm in Horstnähe finden würde, an dem ich nun unbemerkt beobachten und fotografieren kann, damit hatte ich nicht gerechnet.

 

Abrupt werde ich von den schrillen Rufen der Jungvögel aus meinen Gedanken gerissen – nähert sich ein Altvogel? Diesmal aber ist es ein Fehlalarm. Die Jungvögel recken sich und betten sich erneut im Horst ein.

 

Erstmals aus der Nähe freie Sicht auf die mit hellen Daunen befiederten kleinen Schwarzmilane zu haben, war ein besonderer Moment meiner Beobachtungsserie. Zu jener Zeit verliess die Mutter selten und nur für ganz kurz den Horst.Schwarzmilan_4.jpg Die Jungvögel duckten sich während Mutters Abwesenheit tief in die Nestmulde. Nach der Rückkehr wurde jeweils gefüttert. Die Atzung bestand aus unzähligen Mäusen. Amphibien bilden normalerweise die Hauptnahrung. Mein Milanpaar hat aber nur gelegentlich einen Frosch aus dem nahen Feuchtgebiet angeflogen. Regenwürmer und kleine Singvögel wurden auch nicht verschmäht, zählten aber eher zufällig zur Beute. Nur einmal, einen Tag nach dem Mähen der an den Wald grenzenden trockenen Hügelzüge, wurde ein junger Hase in zwei Teilen in den Horst geflogen. Mit dem scharfkantigen Schnabel portionierte die Mutter gekonnt und verteilte die Häppchen an die Jungen. Nur die gröberen Fellstücke von Maus und Hase verschlang das Weibchen anfänglich selbst, um damit sicherlich der Erstickungsgefahr für den Nachwuchs vorzubeugen. Die Aufgabe des Terzels besteht darin, während der ganzen Aufzucht die Beute am Nest abzuladen – füttern habe ich ihn nie gesehen. Nach der Fütterung drehten sich die strubligen Nestlinge mit dem Hinterteil zum Horstrand, um in gewohnter Raubvogelart das Geschmeiss in hohem Bogen über „Bord“ zu schicken. Anschliessend verkrochen sie sich sofort unter dem schützenden Gefieder der Mutter. Im Alter von 14 Tagen riefen die Jungvögel bereits mit kräftiger Stimme in typisch trillernder Milan-Manier.

 

Bald Schwarzmilan_0.jpgschon putzten sie ganz aktiv mit ihrem massiven Schnabel das eigene Gefieder. Ausserdem wagten sie sich bereits etwas aus der Nestmulde heraus und balancierten auf ihren übergrossen Ständern gekonnt auf dem Nestrand. Die heissen Tage über Pfingsten schienen der Familie zuzusetzen. Bei Sonnenaufgang über dem Nest wurde eilig Nahrung herbeigeschafft und hektisch gefüttert. Die Mutter platzierte sich dann bereits Mitte Vormittag mit dem Rücken zur Sonne, die Jungen unter sich eingebettet, um die ärgste Hitze abzuhalten. Mit geöffnetem Schnabel überdauerte sie so eine ganze Woche Hitzetage an der prallen Sonne (jeweils über 30 Grad im Schatten!) – eine gewaltige Leistung! Immer wieder befürchtete ich, dass noch in diesem Entwicklungsstadium alles schief gehen könnte. Ich bin mir sicher, die Milanmutter hätte sich viele Male einen Horst im Schatten von Fichtennadeln gewünscht!

 

Die Jungvögel wuchsen schnell. Bei jedem meiner Besuche trugen sie ein scheinbar neues Gefieder. So war im Alter von gut drei Wochen der helle Flaum auf Rücken und Schwingen grösstenteils dunklen Federn gewichen. Die Zeit für aktives Flügeltraining gewann an Bedeutung.

 

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Und da: erneut Aktivität im Horst – und trillernde Rufe aus südlicher Richtung – ein pfeilschneller Schatten – und das Rattern des Kameraspiegels. Die Mutter ist mit fetter Beute auf dem Horst gelandet, und die jetzt stattlich herangewachsene Jungmannschaft meldet lautstark ihren Anspruch an. Einer der drei Musketiere hat die Atzung für sich gewonnen und mantelt sofort. Bei argwöhnischem Blick eines Geschwisters aber wird sofort mit dem Schnabel abgewehrt und auch angegriffen. So werde ich Zeuge, wie einer der Jungvögel auf dem Horstrand balancierend und in allen möglichen und unmöglichen körperlichen Verrenkungen sich nur knapp im Nest halten kann – wenn das nur gut geht bis zum Jungfernflug! Dieser grosse Tag dürfte, zur glücklichen Behebung der sehr engen Platzverhältnisse im Horst, in wenigen Tagen stattfinden. Behutsam ziehe ich mich daraufhin für heute aus dem steilen Wald zurück.

 

Tage später ist der Horst leer. Die adulten Milane kreisen hektisch über dem Horstwald. Sie versuchen verzweifelt, an die 30 lärmige und aufdringliche Krähen vom ausgeflogenen und in den dichten Baumkronen versteckt sitzenden Nachwuchs fernzuhalten. In den folgenden Tagen machen sich die Greife rar – nie konnte ich die komplette Familie in der Luft beobachten. Rund eine Woche nach Ausflug zeigt sich ein Altvogel gelegentlich mal in Begleitung eines Schützlings in Siedlungsnähe auf Streifzug. Sattfressen ist angesagt, um die schon bald anstehende grosse Reise Richtung Süden ins afrikanische Winterquartier meistern zu können.

 

Mehr Bilder finden Sie in der Galerie: Greifvögel und Eulen

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Birkhahnbalz: Frühlingserwachen in den Bergen

Frühling 2014

Im Tal hat der Frühling in seiner vollen Pracht Einzug gehalten. Blühende Wiesen und Obstbäume werden erfüllt vom Summen der fleissigen Bienen. Amsel, Star, Drossel und viele weitere Vogelarten haben bereits Hochzeit gefeiert oder füttern schon am Nest. Selbst Herr Wiedehopf hupt aus voller Kehle im Dreitakt sein typisches pu-pu-pu, um die Weiblichkeit auf sich aufmerksam zu machen und ebenfalls möglichst bald zur Brut zu schreiten. In den warmen Tagen der letzten Wochen hat die Schneedecke sich bis über die Waldgrenze hinauf zurückgezogen. Noch schimmern die Berggipfel weiss über den ersten aperen Birkhahnbalzplätzen, wo die frühen Krokusse blühen.

Ich will einen neuen Balzplatz besuchen - weit ab von jeder Strasse und von jedem Touristenstrom. Ein älterer, erfahrener Jäger macht mich eines Nachmittags Anfang Mai im abgelegenen Hochtal vom Gegenhang aus mit der Örtlichkeit vertraut. Dabei wird auch gleich der Plan für einen bevorstehenden Besuch mitten im Geschehen geschmiedet. Ein Kälteeinbruch, wie er im Frühling in den Bergen häufig vorkommt, durchkreuzt vorerst meinen Plan. Für den 5.Tag aber ist die Wettervorhersage vielversprechend.

 

Birkhahn_Morgenstimmung.jpgSo wälze ich mich mitten in der Nacht aus dem warmen Bett und mache mich auf. Nach Erreichen des letzten Dorfes schultere ich meinen Rucksack, montierte die Stirnlampe und ergreife den Bergstock. Kurz vor zwei Uhr verlasse ich die letzten Strassenlaternen und nehme den alten Alpweg ins Hochtal unter die Füsse. Jetzt genügt mir das spärliche Mondlicht, und ich lösche die Lampe. Mein Pfad führt entlang eines wilden Bergbaches. Das Schmelzwasser tost um grosse Felsblöcke, die Reste von früheren Bergstürzen. Zügig schreite ich bergan. Nur gelegentlich wird mein Aufstieg von alten Lawinenkegeln mit ihrem obenauf liegenden hölzernen Transportgut erschwert. Weit hinten im Tal verlasse ich den befestigten Weg. Der Mond hat mittlerweile den Himmel verlassen. So mache ich mich nun bei völliger Dunkelheit auf einen weglosen Aufstieg, den ich nie zuvor begangen habe. In Gedanken halte ich mich an die paar Fixpunkte, welche ich mir in den letzten Tagen immer wieder auf Fotos vom Gegenhang gemerkt habe. Nach einem anstrengenden Aufstieg, den ich still in mich hinein fluchend und stolpernd hinter mich gebracht habe, erreiche ich allmählich die offene Alpweide und damit den Balzplatz. Aus den schneebedeckten Flächen blicken die ersten ausgeaperten Kuppen und Hangschultern in die Bergwelt hinaus.

Schnell ist entschieden, wo ich das Tarnzelt stellen sollte. Ich bin zeitig dran und kann mich gemächlich für einen langen Balzmorgen einrichten. Nach 4 Uhr sitze ich in meinem Schirm, verköstige mich mit warmem Tee, etwas Wurst und Brot und warte der Dinge, die da kommen werden. Das Szenario habe ich in den letzten Tagen immer wieder in meinen Gedanken durchgespielt – dass es aber noch besser kommen würde als geplant, kann ich mir zu diesem Zeitpunkt nicht vorstellen.

 

Im Osten hellt erstes Licht die dunklen Umrisse der Berge auf und verleiht ihnen farbigen Glanz - mit einem Schlag bricht der Tag an, und der Zauber der Nacht ist dahin. Auf einer Fichte thront ein erster Hahn vor einer eindrücklichen Kulisse von Spitzen, Graten und beleuchteten Restwolken. Um halb 5 dann die grosse Überraschung: Die Birkhähne kommen zu Fuss von unten über den Altschnee – nicht 4 oder 5 Hähne wie auf anderen mir bekannten Balzplätzen, sondern 14 Hähne und eine Henne! Im grauen Morgenlicht sind die dunklen Gestalten deutlich zu erkennen. Als die ersten schwarzen Ritter den Balzplatz erreichen, beginnt sogleich das herbeigesehnte Tschiuuuhui, und damit wird zugleich auch die Fläche unter den Hähnen aufgeteilt. Sie beginnen zu kullern, zu fauchen und zischen, um in regelmässigen Abständen mit klatschenden Schwingen hoch in die Luft zu springen.

Birkhahnenkampf.jpg

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Die Henne wird ständig von 3 bis 4 schwarzen Herren umworben. Wie wenn sie jedem der Bewerber einen Besuch abstatten und dabei die Qualitäten jedes Einzelnen einschätzen wollte, steuert sie kreuz und quer über den ausgedehnten Balzplatz. Selbst wenn ich nicht immer direkte Sicht auf das Geschehen habe – manchmal nämlich geht die Hochzeitsgesellschaft hinter meinem Zelt durch, um mich zu umschlagen und von unterhalb wieder einen Auftritt auf der weissen Arena vor mir zu inszenieren - dem Klang nach ist jederzeit einzuschätzen, wo sich die Henne gerade aufhält. In der Nähe der holden Weiblichkeit ist der Bewerberaufmarsch am dichtesten und damit auch das Konzert am lautesten. Häufige Hahnenkämpfe direkt neben mir zeugen von der Verbissenheit, mit der die Ritter ihre Gene anpreisen. Nach heftigem Anfauchen und einer Hin- und Her-Verfolgung werden Schnabelhiebe ausgeteilt, Fusstritte platziert und Flügelschläge verpasst, dass im wahrsten Sinne des Wortes die Federn nur so fliegen. Der „krumme“ Hahn ist Zeuge der vergangenen intensiven Balztage – mit zerzaustem und unvollständigem Spiel wirkt er stark mitgenommen, scheint sich aber durch die erlittenen Verluste nicht einschüchtern zu lassen, sondern balzt mit vollem Elan.Birkhaehne_1.jpg Mit dem Sonnenaufgang kurz vor 7 Uhr beruhigt sich das Werbegeschehen. Gleich Wintersportlern, die aus einer schattigen Waldpiste etwas unterkühlt auf die Sonnenterasse der Skibeiz drängen und sich genüsslich den wärmenden Sonnenstrahlen aussetzen, verstummen die Hähne etwas und verharren vor Ort, um ihre schwarzen Roben der Sonne voll und ganz hinzugeben. Ab und zu aber will es der eine oder andere nochmals wissen und fordert seinen Nachbarn zum Duell. Andere, sich in völliger Sicherheit wägend, nutzen die Zeit für ein Morgenschläfchen. Der Reihe nach zieht es die Hähne wieder hinunter in den Zwergstrauchgürtel und in den sicheren Bergwald, wo sie den Tag verbringen, um am nächsten Morgen wieder vor Tagesanbruch auf Posten zu sein und mit sicherer Stimme zu werben.

 

In meinem provisorischenBirkhahn_4.jpg Unterschlupf ist’s mittlerweile ebenfalls wohlig warm geworden. Nachdem der letzte Hahn sich mit flatternden Flügelschlägen empfohlen hat, knöpfe ich das Zelt auf. Eine Wohltat, nach über 4 Stunden die steifen Beine zu strecken.

Unten beim grossen Bergbach treffe ich dann auf den Jäger, der mich vor ein paar Tagen mit dem Gebiet vertraut gemacht hat. Er ist an diesem Tag beim Morgengrauen ebenfalls ins Tal hochgestiegen, um das Spektakel vom Gegenhang aus zu beobachten. Gemeinsam gehen wir den Weg zurück in den Alltag und die Zivilisation. Gesprächsstoff ist das erstaunliche Verhalten der Spielhähne, die sich unbeirrt anderthalb Meter neben meinem Zelt ihren grandiosen Balzaktivitäten hingegeben haben. Dabei kommen wir zum Schluss, dass die Ansicht, Birkhähne hätten auf jeder Feder ein Auge, wohl definitiv zum Jägerlatein gezählt werden muss.

 

Mehr Bilder finden Sie in der Galerie: Rauhfusshühner